Hintergrundbild Deutsches Kinderhilfswerk

PP-Nummer-19 PERSPEKTIVEN SCHAFFEN!

Straßenkinder in Deutschland

Straßenkinder in Deutschland sind eine gesellschaftliche Realität, vor der vielfach die Augen verschlossen werden. Dabei ist die Situation der Straßenkinder in Deutschland nicht zu vergleichen mit der von Straßenkindern in Entwicklungs- und Transformationsländern. Der Begriff „Straßenkinder“ ist nicht generell definiert. Dementsprechend lassen sich je nach angewandter Definition ganz verschiedene Gruppen von Kindern und Jugendlichen zusammenfassen. Das führt dazu, dass die Zahlen über Straßenkinder in Deutschland sehr stark variieren, die Angaben schwanken zwischen 1.500 und 9.000. Vage sind auch die Zahlen hinsichtlich des Geschlechterverhältnisses. Schätzungen gehen hier davon aus, dass von den betroffenen Kindern ca. 35 Prozent Mädchen sind.

Um Straßenkinder zu erreichen, muss die Arbeit zunächst in Form von aufsuchender Jugendsozialarbeit unmittelbar im Lebensumfeld stattfinden.

Straßenkinder können in drei verschiedenen Gruppen kategorisiert werden, wobei die Kriterien Unschärfen aufweisen und die Übergänge oft fließend sind. Im weiteren Sinne handelt es sich um Ausreißer/innen, die aufgrund einer akuten Konfliktsituation oder eines längeren Konfliktes von zu Hause weglaufen und sich nur kurz auf der Straße aufhalten. Eine weitere Gruppe sind Aussteiger/innen, die ihre Freizeit hauptsächlich auf der Straße verbringen, ohne dass es zu einem dauerhaften Bruch mit der Familie kommt. Für Straßenkinder im engeren Sinne nennt das Deutsche Jugendinstitut folgende Merkmale: Eine weitgehende Abkehr von gesellschaftlich vorgesehenen Sozialisationsinstanzen wie Familie oder ersatzweise Jugendhilfeeinrichtungen sowie Schule und Ausbildung; Hinwendung zur Straße, die zur wesentlichen oder auch einzigen Sozialisationsinstanz wird; Hinwendung zum Gelderwerb auf der Straße durch Vorwegnahme abweichenden, teilweise delinquenten Erwachsenenverhaltens, wie Betteln, Raub, Prostitution, Drogenhandel; faktische Obdachlosigkeit.

Straßenkinder in Deutschland kommen aus allen gesellschaftlichen Schichten. Ihre Beweggründe liegen meistens nicht in der materiellen Not im Elternhaus oder in Problemen in der Schule, sondern vielfach treiben Vernachlässigung, Beziehungslosigkeit, Misshandlungen und/oder Missbrauch die Kinder auf die Straße. Die meisten Straßenkinder stammen nicht aus den Großstädten, in denen sie sich aufhalten, sondern nutzen die dort herrschende Anonymität als Schutz vor Entdeckung.

Im Mittelpunkt des Straßenlebens steht die Sicherstellung des eigenen Überlebens. Dabei stehen den Straßenkindern sowohl legale als auch illegale Möglichkeiten zur Verfügung. Zu den legalen Ressourcen gehören die Nutzung sozialer Hilfeeinrichtungen wie Tagestreffs oder Notschlafstellen. Manche Straßenkinder halten sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser, viele mit Bettelei. Aber auch illegale Ressourcen gehören zum Alltag vieler Straßenkinder: Diebstähle, Raub, Drogenhandel oder Prostitution. Nicht selten werden sie auch von Hehlern als Boten oder Drogenkuriere eingesetzt.

Die Erwartungen der Straßenkinder in Deutschland an ihre Zukunft unterscheiden sich kaum von denen anderer Kinder hinsichtlich des Wunschs nach Geborgenheit und der Hoffnung auf eine spätere Arbeit und eine eigene Wohnung. Dementsprechend hoch ist auch der Anspruch an die Kinder- und Jugendhilfe, wirksam zu helfen. Zum einen muss sie attraktive Alternativen zum Leben auf der Straße anbieten und sich zum anderen an der Lebenswelt der Kinder und Jugendlichen orientieren, das bedeutet in erster Linie niedrigschwellige Angebote bereit zu stellen. Es ist wichtig, dass die Hilfe auf Bedürfnisse der Jugendlichen eingeht, das heißt Unterstützung in Alltagssituationen bietet, über deren Bedarf und Umfang sie selbst mitentscheiden können.

Um Straßenkinder zu erreichen muss die Arbeit zunächst in Form von aufsuchender Jugendsozialarbeit unmittelbar im Lebensumfeld stattfinden. Ziele sind dabei, Orientierung zu bieten und neue Perspektiven zu entwickeln. Sie darf aber nicht bei kurzfristigen Angeboten stehen bleiben, wenn die Verfestigung von Straßenkarrieren aufgehalten werden soll. Durch aufsuchende und niedrigschwellige Angebote kann in der Folge der Übergang in flexible Unterbringungsangebote wie betreute Wohngemeinschaften oder andere stationäre Hilfen geschafft werden. Um erfolgreich zu sein, darf die Hilfe keinesfalls mit Erreichen der Volljährigkeitsgrenze auslaufen, sondern es müssen auch die jungen Erwachsenen mit sinnvollen pädagogischen Konzepten bei ihrem Bemühen um eine sinnvolle Lebensperspektive unterstützt werden.

Stand: 09. Juni 2008

Dieses Positionspapier ist Teil der bundesweiten Kampagne des Deutschen Kinderhilfswerkes
zum Thema Chancengleichheit für alle Kinder und Jugendlichen in Deutschland.