Hintergrundbild Deutsches Kinderhilfswerk

PP-Nummer-14 JUGENDLICHE NICHT AUSGRENZEN UND ABSCHIEBEN!

Jugendgewalt/Jugendkriminalität

Aktuelle Fälle von Jugendgewalt lassen die öffentliche Diskussion, wie ihr zu begegnen ist, erneut aufflammen. Dabei fällt der Anstieg der Jugendgewalt in Wirklichkeit schwächer aus, als es einzelne schockierende Vorfälle signalisieren. Die Forcierung des Themas von verschiedenen Politiker/innen und Medienvertreter/-innen legt daher nahe, dass zu Lasten einer Bevölkerungsgruppe ohne Lobby, eigene Interessen verfolgt werden. Der Ruf nach rechtsstaatlichen Mitteln ist in solchen Situationen nicht unbekannt. Der Weg, Kinder und Jugendliche härter zu bestrafen und einzusperren, kann immer nur ein letztes Mittel sein. Er verdeckt den Blick auf die Ursachen von Problemen und lässt sich leicht für politische Zwecke instrumentalisieren. Stattdessen brauchen wir eine ernsthafte Diskussion um die Förderung von Kindern und Jugendlichen.

Wir haben kein strafrechtliches oder ethnisches Problem, sondern ein soziales Problem!

Wir leben in einer Zeit, in der Jugendliche an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden, in der ihre gesellschaftlichen Bildungs- und Zugangschancen sich zunehmend verschlechtern. 7,9 Prozent der Schüler/-innen verließen im vergangenen Jahr die Schule ohne Abschluss, die meisten davon mit Migrationshintergrund. Rund 450.000 Jugendliche sind derzeit noch ohne Ausbildungsplatz.

Neben der gravierenden sozialen Benachteiligung haben innerfamiliäre Gewalt und geschlechtsspezifische Rollenmuster eine zentrale Bedeutung. Jugendliche, die in ihrer Kindheit oder aber auch als Jugendliche von ihren Eltern massiv geschlagen oder misshandelt wurden, werden erheblich häufiger selber gewalttätig als nicht geschlagene junge Menschen und schließen sich signifikant häufiger in gewaltbefürwortenden Gleichaltrigengruppen zusammen. Junge Migrant/-innen sind zudem mehr als doppelt so häufig wie deutsche Jugendliche durch innerfamiliäre Gewalt belastet. Ferner ist hervorzuheben, dass Gewaltbereitschaft von Jugendlichen vor allem bei jungen Männern auffällt. Zwar hat das gewalttätige Verhalten von Mädchen zugenommen, allerdings auf sehr niedrigem Niveau. Noch immer dominieren in unserer Gesellschaft gewaltbereite und gewalttätige männliche Rollenmuster. Notwendig ist daher eine Jungenarbeit die alternative Rollenmuster einübt und durch gezielte Information die Eltern erreicht, um über die Folgen innerfamiliärer Gewalt aufzuklären.

Das Kindes- und Jugendalter gilt als Lebensphase, in der Heranwachsende eine Identität aufbauen müssen. Jugend- und Gewaltforscher/-innen sind sich einig, dass diese Verwirklichung von persönlicher Identität heute erschwert ist - eine der zentralen Ursachen der Gewaltbereitschaft junger Menschen. Jugendliche wollen nicht nur passiv Lernende in Institutionen sein, sie brauchen auch Bestätigung, Engagement und sinnvolle Aufgaben. Jugendliche wollen positive Antworten auf die drängenden Fragen finden: „Wer bin ich“, „Was kann ich“ und „Wohin gehöre ich“. Wer Persönlichkeitsentwicklung will, muss zuvorderst an pädagogische Maßnahmen denken. Jugendliche brauchen Räume, in denen sie kreativ sein können, und nach ihren Vorstellungen etwas aufbauen und verändern können. Demgegenüber sind Einrichtungen der Jugendförderung seit Jahren zunehmenden Sparzwängen unterworfen. Auch wohngebietsnahe Aufenthalts- und Bewegungsflächen sind zunehmend Mangelware oder werden durch Verbote eingeschränkt. Auch hier erleben Jugendliche, dass ihnen die Gesellschaft ablehnend gegenüber tritt und reagieren mit Frust und Gewalt. Gerade für delinquente Jugendliche sind Angebote Erfolg versprechend, die sie befähigen ihren Alltag zu meistern, denn eine Strafmaßnahme allein verschafft selten neue Spielräume für ihren Alltag.

Entscheidend ist, sich möglichst früh und intensiv mit den Straftaten von Jugendlichen auseinander zu setzen, nicht erst im mehrfachen Wiederholungsfall. Anstatt in „zwei Minuten“ vor Gericht abgehandelt zu werden, empfiehlt das Deutsche Kinderhilfswerk das Modell „Teen Courts“ auszubauen. Bei einem Teen Court handelt es sich um ein aus Schüler/innen bestehendes Gremium, das sich im Auftrag der Staatsanwaltschaft mit minderschweren Straftaten Jugendlicher befasst. Durch die Reaktionen von Gleichaltrigen gelingt es vielfach jugendliche Straftäter nachhaltiger zur Einsicht zu bringen als durch ein herkömmliches Jugendstrafverfahren.

Das Deutsche Kinderhilfswerk hat im vergangenen Jahr an zehn Schulen das Projekt „buddy kids“ gefördert, das über den Sport neue Konfliktlösungsmuster eintrainiert. Es gilt, die Mittel und die Aufmerksamkeit für solche präventive Projekte zu erhöhen, anstatt in Strafmaßnahmen mit extrem hohen Rückfallquoten zu investieren.

Stand: 09. Juni 2008

Dieses Positionspapier ist Teil der bundesweiten Kampagne des Deutschen Kinderhilfswerkes
zum Thema Chancengleichheit für alle Kinder und Jugendlichen in Deutschland.