Hintergrundbild Deutsches Kinderhilfswerk

PP-Nummer-13 FREIRÄUME GEBEN!

Mehr Toleranz für Kinderlärm

Das lautstarke Spielen trifft in Deutschland zunehmend auf den Widerstand von Anwohnerinnen und Anwohnern. Ob in Hamburg, Berlin oder Frankfurt – quer durch die Bundesrepublik berufen sich klagende Anwohner/innen auf das Immissionsschutzgesetz und erreichen Kitaschließungen, eingeschränkte Öffnungszeiten von Schulhöfen, Spielplätzen und Bolzplätzen, das Verbot für spielende Kinder auf Hinterhöfen oder verbannen Kinder hinter Lärmschutzwände.

Es gilt, Kinderlärm neu in Lärmschutzverordnungen der Länder zu verankern. Eine Bewertung von lautstarkem Spiel allein nach Dezibel zeugt von einer kinderfeindlichen Gesellschaft.

Verstärkt machen sich Elterninitiativen, Jugendverbände sowie Politikerinnen und Politiker dafür stark, dass Kinderlärm nicht mehr Gewerbelärm gleichgestellt wird und überlegen, wie das lautstarke Spiel von Kindern unter besonderen Schutz gestellt werden kann. Diese Diskussionen zeigen: In einem dem demografischen Wandel unterzogenen Deutschland ist es höchste Zeit, das in der UN-Kinderrechtskonvention geltende Recht „auf Spiel und altersgemäße aktive Erholung“ (Art. 31) auf die einfachgesetzliche Ebene herunter zu brechen oder besser, die Vorrangstellung des Kindeswohls in den Landesverfassungen und im Grundgesetz zu verankern.

Drei Viertel der Bundesbürger haben für Anwohner/innen, die gegen Kindertageseinrichtungen vor Gericht ziehen, kein Verständnis. Im Gegenteil: Sie sehen gerade in Wohngebieten einen geeigneten Standort für Kindergärten. Lediglich drei Prozent sind dafür, Kitas mit hohen Lärmschutzmauern aus Beton einzuzäunen. Rund zwei Drittel lehnen gesonderte Vorschriften für Kitas in Wohngebieten gänzlich ab.

Kinder brauchen Platz und Bewegung um zu lernen, über das Spiel entwickeln sie ihre motorischen Fähigkeiten und reifen zu selbständigen Persönlichkeiten. Viele Kinder leiden schon bei der Einschulung unter Haltungsschwächen und haben Schwierigkeiten bei den einfachsten motorischen Herausforderungen. Das sind alarmierende Signale, die in enger Verbindung zu den außerhäuslichen Bedingungen stehen. Wissenschaftlich ist es nicht in Frage gestellt, dass dort, wo für Kinder gute Spielmöglichkeiten im Wohnumfeld vorzufinden sind, auch deren Nutzung überproportional hoch ist. In unseren Städten gibt es jedoch immer weniger Platz zum Spielen, auch auf den Straßen lässt der zunehmende Autoverkehr kaum noch Möglichkeiten zum Spielen. Die schwache Rechtsposition von spielenden Kindern verstärkt diesen Trend der Stadtentwicklung.

Durch die Föderalismusreform, mit der die Gesetzgebungskompetenz zur Regelung von „sozialem Lärm“ auf die Länder übertragen wurde, sind die Bundesländer zum Handeln aufgefordert. Sie müssen dafür sorgen, dass „Geräuschemissionen“ von Kindern anders behandelt werden als die Geräuschkulisse eines Gewerbebetriebes. Die seit Januar 2010 geltende Neuregelung des Landes-Immissionsschutzgesetzes in Berlin (LImSchGBln) weist den richtigen Weg. Nun sind die anderen Bundesländer aufgefordert, das Signal aus Berlin aufzugreifen. Und dort, wo Bundesgesetze berührt werden, muss der Bundestag für Klarstellung sorgen.

Das Deutsche Kinderhilfswerk spricht sich für eine Formulierung aus, die deutlich macht, dass das lautstarke Spiel von Kindern keine Immission im Sinne des entsprechenden Gesetzes ist, vielmehr zu einer gelingenden Sozialisation gehört und daher von der Öffentlichkeit grundsätzlich hinzunehmen ist. Hinweise in Ausführungsvorschriften sind dabei nicht ausreichend. Entsprechende Erfolge auf Länderebene sind bundesweit zu transportieren.

Einstweilen bleibt Eltern, Vereinen und Kommunen schon im Vorfeld die Streitigkeiten um das lautstarke Spiel im Wohnumfeld durch den Einsatz von Mieterbeiräten, Stadtteilarbeiter/innen oder Mediatorinnen und Mediatoren entgegen zu wirken. Mit seinen Partnern im „Bündnis Recht auf Spiel“ hat das Deutsche Kinderhilfswerk ein Netzwerk aus Fachkräften und Sachverständigen unterschiedlicher Berufe, Institutionen und Organisationen gebildet, das sich als Lobby für Kinderspiel im öffentlichen Raum stark macht und betroffenen Familien Unterstützung bietet (www.recht-auf-spiel.de).

Stand: 19. April 2010

Dieses Positionspapier ist Teil der bundesweiten Kampagne des Deutschen Kinderhilfswerkes zum Thema
Chancengleichheit für alle Kinder und Jugendlichen in Deutschland.

 

Fachbeiträge zum Positionspapier
Titel: "Kinderlärm" muss neu bewertet werden - Wachsende Intoleranz gegenueber spielenden Kindern und deren Einrichtungen