Hintergrundbild Deutsches Kinderhilfswerk

Ekkehard von Braunmühl

Ekkehard-von-Braunmhl-WebEkkehard von Braunmühl wurde 1940 geboren. Er ist freier Publizist und Kinderrechtler und der Begründer der Antipädagogik.

Braunmühl tritt radikal für die Abschaffung des Erziehungssystems, wie wir es kennen, ein. Der „Dressur“ der Kinder, um sie so nach den Vorstellungen der Erwachsenen zu „for­men“ – was ohnehin nicht gelingen kann – setzt er Respekt vor der sich entwickelnden Per­sön­lich­keit und einen gleichberechtigten Umgang mit dem Kind entgegen.

Erziehung und Pädagogik sind aus Sicht der Antipädagogen zum einen nicht mit der Men­schen­wür­de vereinbar und zum anderen nach ihrer Erfahrung auch unnötig. Dieser Perspektive liegt eine spe­ziel­le De­fi­ni­tion von Erziehung/Pädagogik zugrunde.

Aus antipädagogischer Sicht bedeutet Erziehung eine geplante und gezielte Tätigkeit des Menschen, mit denen er meist das Denken, zumindest aber das Verhalten eines anderen Menschen verändern will.

Alternativ schlägt die Antipädagogik eine gleichberechtigte Lebensweise zwischen Menschen, vor allem zwi­schen jungen und älteren Menschen (Erwachsenen und Kindern) vor. Verschiedene Autoren liefern in ihren Bü­chern praktische Erfahrungsberichte derartigen Zusammenlebens.

Im Gegensatz zur antiautoritären Erziehung fordert die Antipädagogik nicht die Aufhebung aller Grenzen für Kin­der. Vielmehr unterscheidet sie zwischen defensiven und aggressiven Grenzen. Defensive Grenzen werden zur ei­ge­nen Verteidigung gesetzt, um sich vor fremdem Übergriffen zu schützen (z. B.: Es stört mich, dass du nachts um drei laut Musik hörst, weil ich dann nicht schlafen kann.). Defensive Grenzen entsprechen dem Grundsatz „Freiheit, so­lan­ge die Freiheit des anderen nicht eingeschränkt wird“.

Aggressive Grenzen werden hingegen anderen Menschen gesetzt, um sie z. B. vor sich selber zu schützen und sie zu ihrem (angeblichen) Glück zu zwingen (z. B.: Du darfst keine laute Musik hören, weil das nicht gut für dich ist.) oder den Erwartungen anderer zu genügen (z. B.: Wirf nicht mit dem Brei herum, das gehört sich nicht.). Diese er­zie­he­ri­schen Gren­zen werden abgelehnt.

Auch Grenzen, um Kinder (vorgeblich oder tatsächlich) zu schützen, werden abgelehnt, da Kinder sie jederzeit um­ge­hen können, wenn sie alleine sind.

Als besonderes Problem wird von den Antipädagogen Erziehung zu Werten, wie Demokratie, Toleranz und Selb­ständigkeit angesehen, da Erziehung als solche diese Werte konterkariert. Wenn man z. B. versucht, mit un­de­mo­kra­ti­schen Mitteln (also durch Erziehung) einen Menschen zu einer demokratischen Haltung zu bewegen, so sei das Ergebnis das Gegenteil, nämlich Verwirrung und fehlendes Vertrauen in Demokratie. Stattdessen soll man mit Kin­dern De­mo­kra­tie leben, anstatt sie zu predigen.

Obwohl die Begriffe Erziehung/Pädagogik vor allem in der Wissenschaft, aber mittlerweile auch in der Alltagssprache sehr vielfältig gebraucht werden, reduzieren die Antipädagogen sie auf ein vergleichsweise einfaches, undifferenziertes Schema. Zudem setzt die Antipädagogik aufs Lernen durch Anschaulichkeit. Die Vermittlung von Ab­strak­tio­nen, sowohl in moralischer (Du sollst nicht stehlen.) als auch in praktisch-technologischer (diverse ma­the­ma­ti­sche Formeln, die sich nicht durch anschauliche Beispiele auflösen lassen) Hinsicht, wird somit er­schwert.